
Es ist ein heißer Sommerferientag. Wir schreiben das Jahr 2014, ich bin gerade neun geworden. Die Sonne scheint mir nervig ins Gesicht, und ich wache zu den Sexgeräuschen der Nachbarn links von uns und zu den schrillenden Bohrgeräuschen aus der Wohnung rechts von unserer 55-Quadratmeter-Wohnung auf. Wie immer steht meine Mama schon am Herd und bereitet das Frühstück, das Mittagessen und das Abendessen vor. Es gab nämlich jeden Tag drei verschiedene warme Mahlzeiten. Das war mein Signal, den Tag zu starten: ein weiterer Tag voller Langeweile.
Ich habe als Kind nie wirklich verstanden, warum alle sich so auf die Sommerferien freuen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass die Kinder aus meiner Klasse ihre Ferien ganz anders verbrachten als ich.
Erst am ersten Tag nach den Ferien, als wir alle im Stuhlkreis saßen, erzählten alle, wie sie ihre Ferien verbracht hatten. Ich war beeindruckt von ihren Geschichten und interessiert. Aber nicht neidisch oder traurig. Ich wusste nämlich nicht, wie toll so ein Urlaub sein kann. Ich konnte es mir im Kopf gar nicht ausmalen. Was ich nicht kannte, danach hatte ich auch kein Verlangen.
Denn ich war eines von vielen tausend Kindern in Berlin, die von Kinderarmut betroffen sind. Eines von den Kindern in der Platte.
Ich habe meine ganze Kindheit bis zu meinem 15. Lebensjahr in der Platte verbracht. Dabei war nicht jede Familie dort gleich arm – manche durch Steuerhinterziehung, kuriose Geschäfte oder einfach, weil beide Eltern zwar arbeiteten, aber trotzdem kaum etwas übrig blieb. Uns hat es trotzdem getroffen: meine Mama und mich.
Untereinander kannten wir uns alle im Block. Wir waren eine richtige Community. Wenn das Wetter gut war, war jeder draußen, unter den Menschen.
Im Vergleich zu den anderen Familien war meine Mama alleinerziehend, chronisch krank und arbeitslos. Und das schon immer. Als Kind oder Heranwachsende war mir nie bewusst, wie sehr das mein Leben prägen würde.
Selbst innerhalb der Platte unterschieden sich unsere Lebensverhältnisse deutlich. Selbst wir wurden dort ausgegrenzt. Mama lebt bis heute dort.
Rückblickend habe ich zwei verschiedene Leben gelebt. In der Schule war Anpassung das A und O. Jeden zweiten Nachmittag wurde ich von der Schule aus in einen Förderkurs gebracht. Nach und nach habe ich durch unzählige Diskriminierungserfahrungen von Lehrkräften, Pädagog:innen und Mitschüler:innen gelernt, dass meine Herkunft angeblich wichtiger war als die Person, die vor ihnen stand. Zuhause musste ich strenge Regeln befolgen und mich kulturell unterordnen – Dinge, die ich weder ablegen konnte noch ablegen durfte.
Bis heute verspüre ich wegen meiner Herkunft unendlich viel Scham und Ohnmacht. Als hätte ich eine Last, die ich dieses Leben lang tragen muss.
Als Kind war mir nicht klar, dass ich bewusst diskriminiert wurde. Mir war nur eines klar: Mit mir stimmt etwas nicht. Dieses Gefühl habe ich die letzten 21 Jahre mit mir herumgetragen. Bis heute scheue ich mich, mich mit meiner Herkunft zu identifizieren.
Doch genau das macht mich im Kern aus. Meine Wünsche und Ängste beruhen darauf.
Heute lebe ich ein ziemlich normales Leben in einem gesitteten Stadtteil Berlins. Ich verdiene eigenständig und gut genug, um nicht sparsam leben zu müssen, und lebe mein Leben, soweit ich kann, in vollen Zügen. Ich lebe ein Leben, von dem ich als Kind nur träumen konnte. Und trotzdem begleiten mich meine kindlichen Erlebnisse überall hin – genauso wie die Angst, erneut dieselben Ausgrenzungserfahrungen machen zu müssen.
Selbst im Studium fällt mir das auf. Wir sprechen das ganze Semester über ungleiche Bildungschancen, während drei Viertel des Hörsaals alle unnötigen Apple-Produkte besitzen, die es auf dem Markt gibt, und anderen Quatsch. Neben mir saß in einer Vorlesung einmal ein Mädchen mit vielen schönen Armreifen. Einer davon war von Cartier und kostete 2.000 Euro.
Zurzeit lebt fast jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut. In Berlin sind es etwa 144.000 Kinder. Besonders betroffen sind Kinder aus Einelternfamilien oder Familien mit Migrationsgeschichte.
In einem Seminar mussten wir zu Beginn des Semesters über unsere Kindheit und Familie sprechen. Alle, die sich geäußert haben, kamen aus gut situierten Familien und durften eine schöne Kindheit erleben.
Ich habe mich im Studium dermaßen einsam gefühlt – wie eine Meerjungfrau im All. Wo sind denn alle?
Wie sollen sich solche Kinder gesehen und verstanden fühlen?
Das ist ein bisschen wie mit der Psychotherapie: Immer mehr Patient:innen berichten, dass sie sich von ihren Therapeut:innen zumindest ansatzweise nicht verstanden fühlen. Vielleicht, weil ein solcher Bildungsweg selektiv ist – besonders bei einem Studiengang wie Psychologie.
Natürlich kann man das nicht alles verallgemeinern und keine vorschnellen Vermutungen anstellen. Aber fast alle Lehrkräfte, mit denen ich in meiner Schullaufbahn zu tun hatte – bis auf zwei – hatten keine Ahnung, mit welchen Diskriminierungen man konfrontiert wird und wie destruktiv das eigene Zuhause sein kann.
Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich Menschen nicht wegen ihrer Herkunft oder des Lebens, in das sie hineingeboren wurden, verurteilen darf. Wenn überhaupt, dann beneiden.
Das will ich mir jedes Mal wieder klarmachen, wenn ich irgendwo bei irgendwem die Schuld suche.
Und damit es weiteren Kindern nicht genauso ergeht wie mir, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, später als Lehrerin aktiv dagegen vorzugehen.
Su yolo
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